Es ist Sonntag. Und ein besonders schöner Sonntag noch dazu. Bei 27 Grad und Sonnenschein sitze ich im besten Biergarten, den ich mit dem Fahrrad in kurzer Zeit erreichen konnte. Das ist ein toller Start in die Elternzeit. Die nächsten 3 Monate darf ich mich voll und ganz um den Nachwuchs kümmern. Das wird super. Allerdings haben meine Schwiegereltern darauf bestanden den Sohnemann heute Abend bei sich zu behalten. Ich "feiere" den Start in die Elternzeit also ohne Kind. Seltsam.

Ich habe schon den ein oder anderen Blog-Artikel an öffentlichen Orten geschrieben. In der Bahn, im Café oder auf einer Bank an der Alster. Überall dort fiel ich nicht weiter auf. Es war nichts Ungewöhnliches daran, dass dort jemand sitzt und auf die Tastatur seines Laptops oder Tablets einhackt. Das ist heute allerdings anders. Ich bin nicht in Hamburg. Nicht mal in Hamburgs "Speckgürtel". Ich bin auf'm Dorf. Hier sind andere Sachen normal.

Darf ich vorstellen? Die Gäste!

Hier liest die Dame am Nebentisch ihren Kindern ein Bibi Blocksberg-Buch vor. Sie tut dies in einer Lautstärke, die es auch den daheim gebliebenen Kindern ermöglicht, der Lektüre des Buches problemlos zu folgen. Alle umsitzenden Gäste dürften ebenso gespannt sein wie ich, ob Bibi es schafft, den dringend benötigten Zaubertrank zu brauen, bevor der Bürgermeister für immer eine Kröte bleiben muss. Unterhaltsam.

Die verschiedenen Kegelklubs haben das Durschschnittsalter eines handelsüblichen Altersheims. Obstler und Mariacron werden in entsprechend hohen Dosen ausgeschenkt. So jung kommt man nicht mehr zusammen. Todsicher. Die Themen bei Tisch reichen von "Unsere Nachbarin fährt jetzt Cabrio. Ich frage mich, wie die sich das leisten kann", über "Ulla meint ja ich könnte eine Kälte-Allergie haben. Mein Arzt hält das für falsch, aber sie hat das ja im Goldenen Blatt gelesen", bis hin zu "Seitdem ich dieses neue Medikament nehme, kann ich morgens wieder aufs Klo. Wobei mir die Konsistenz jetzt fast zu weich ist". Informativ.

Ein älteres Ehepaar, das offensichtlich gerade aus dem Türkei-Urlaub zurückgekehrt ist, erklärt der Bedinung ausführlich, dass man in der Türkei auch im Schatten sehr schnell sehr braun wird. Scheinbar haben sie nicht eine Minute in der prallen Sonne verbracht und sehen trotzdem aus wie Motsi Mabuse nach 8 Wochen Strandurlaub. Beeindruckend.

Ein wesentlich jüngeres Pärchen, das am Aufrechterhalten dieses Status anscheinend nicht interessiert ist, durchlebt an einem weiter entfernten Tisch die 203. Krise, ihrer schon viel zu langen Beziehung. Er hört ihr einfach nicht zu. Schlimm. Ihr heftiger Kontrollzwang macht sein Leben aber auch nicht gerade leichter. Schockierend. Ursache des ganzen scheint seine Mutter zu sein. Sie mischt sich überall ein. Nervenaufreibend.

Und dann ist da noch "der Mittelpunkt der Party". Das Ehepaar mittleren Alters, das den gemeinsamen Besuch im Biergarten zum Anlass nimmt, nicht ein einziges Wort miteinanders zu wechseln. Ihr Leben scheint eine einzige, sehr lange Fahrstuhlfahrt zu sein. Die Fahrstuhl-Regel sind einfach und international anerkannt:

  1. Schau dem gegenüber niemals ins Gesicht.
  2. Zwischen der knappen aber freundlichen Begrüßung in Form eines Kopfnickens und der ebenso knappen Verabschiedung, darf nicht gesprochen werden.

Die beiden haben die Einhaltung dieser Regeln über die Jahre perfektioniert. Beneidenswert.

Dazwischen? Ich!

Alle oben genannten Biergarten-Gäste haben eins gemeinsam. Sie sind nicht alleine hier. Und vorallem starren sie nicht in ihr Tablet, während sie, hin und wieder schmunzelnd, einen Blog-Artikel schreiben. Mitleidigen Blicke und "unauffälliges" Geflüster weisen mich dezent darauf hin, dass ich das nächste Mal am besten mit meiner Frau und meinem Sohnemann vor die Tür gehen sollte. Lehrreich.