Kinder sind toll. Und das meine ich wirklich ernst. Jeden Tag freue ich mich darüber, dass meine Frau und ich einen wirklich wundervollen Sohn haben. Der Stöpsel bringt so viel Freude in unser Leben. Ein echtes Wunder ist es auch, wie schnell diese kleinen Wesen lernen. Ich stelle immer wieder fest, wie oft sich mein Sohn Dinge von mir abguckt. Dinge, die er gestern noch erfolglos versucht hat, kann er heute schon mit einer Leichtigkeit, die mich immer wieder staunen lässt.

Aber genau diese Fähigkeiten können schnell auch mal zum Problem werden. Zum Beispiel kann es passieren, dass er bis vor 5 Minuten ganz sicher noch nicht die Fähigkeit hätte, die Terassentür selbstständig zu verriegeln, er diese Fähigkeit aber genau dann erlangt, wenn man vor die besagte Tür tritt, um beispielsweise den Müll raus zu bringen. Und noch blöder ist die Situation, wenn er zwar das Verriegeln kurzfristig erlernen konnte, er das Erlernen des Entriegelns aber lieber auf einen deutlich späteren Zeitpunkt verschiebt.

So oder so ähnlich...

...spielte es sich vor einiger Zeit bei uns ab. Die vielen guten Gründe, warum wir zu dem Zeitpunkt noch keinen Ersatzschlüsseln bei Nachbarn deponiert hatten, wollen wir an dieser Stelle mal unerwähnt lassen. Was blieb also anderes, als einen Schlüsseldienst zu bestellen? Unsere Nachbarin war zum Glück gleich mit Telefon und Gelben Seiten zur Stelle und rief einen Schlüsseldienst. Diesem sagte sie auch am Telefon, dass er sich bitte beeilen sollte, da ein 2 jähriges Kind alleine im Haus eingesperrt sei. Ein guter Grund, die Hufe zu schwingen. Dachten wir. Gut 1,5 Stunden später hatte der Herr sìch dann auch zu uns verirrt. Nach wenigen erfolglosen Versuchen, eine der Türen ohne Bohren zu öffnen, griff der Gute zum Hochleistungsakkubohrer.

"Mama, laut!"

Das Geräusch des Bohrers im Schloss schien meinem Sohn dann doch Grund genug zu sein, um das Entriegeln der Terassentür spontan zu erlernen. Noch bevor der Schlüsseldienst das Schloss der anderen Tür gänzlich aufbohren konnte, war die Terassentür also wieder offen.

Der nette Herr vom Schlüsseldienst machte also noch ein bisschen Dreck, verteilte die Reste des Schlosses auf unserem Küchenfußboden, schrieb eine übertrieben hohe Rechnung und verschwandt wieder da hin, wo er hergekommen war. Nachdem ich ein neues Schloss besorgt und in der gewaltsam geöffneten Tür verbaut hatte, klingelte das Telefon. Unsere Nachbarin. Der Schlüsseldienst hatte sie angerufen, da er unsere Nummer nicht hatte. Sie sollte uns mitteilen, dass wir uns unbedingt beim ihm melden sollen, da er wohl sein Portemonaie bei uns verloren hatte.  Ich dankte für das Überbringen der Nachricht, legte auf und wählte die Nummer des Schlüsseldienstes.

"Das kann nur bei Ihnen liegen!"

Schlüsseldienst: "Hallo Herr Richter. Nett, dass Sie anrufen. Mir ist was ganz dummes passiert. Bei Ihnen in der Küche muss mir ein Umschlag mit 2800€ aus der Tasche gefallen sein."

Ich: "Oh, da gucke ich gerne sofort nach... Hmm... Tut mir leid. Hier liegt kein Umschlag."

Schlüsseldienst: "Doch, doch. Das kann nirgendwo anders sein."

Ich: "Äh... Nein. Ich habe hier gerade wirklich alles nachgeschaut. Es ist nichts unter dem Tisch, nichts unter den Stühlen, nichts hinter den Blumentöpfen."

Schlüsseldienst: "Ich bin mir ganz sicher, dass es dort sein muss. Ich bin nur noch an einem anderen Ort gewesen und davon habe ich ein Video. Auf dem ist zu sehen, dass ich nichts verloren habe. Dann muss der Umschlag draußen liegen, wo ich hingefallen bin."

Ihr könnt euch denken, wie das Gespräch weiterging. Er bestand darauf, dass der Umschlag mit 2800€ bei uns liegen muss. Ich erklärte ihm, dass ich hier keinen Umschlag finden kann. Irgendwann sah er dann wohl ein, dass ich ihm (am Telefon) nicht weiterhelfen kann. Ich verabschiedete mich, räumte weiter auf und wollte den Abend im Anschluss auf meinem Lieblingssessel ausklingen lassen.

"Wir sind gleich da!"

Es war so ungefähr 22 Uhr, als mein Handy klingelte. Eine Nummer, die mir auf den ersten Blick völlig unbekannt war.

"Hallo Herr Richter. Das lässt mir einfach keine Ruhe. Daher würde ich gerne nochmal persönlich nachschauen. Wir sind auch schon fast da. Würden Sie uns bitte im Garten nachsehen lassen?"

Was gibt es schöneres, als im Winter gegen 22 Uhr einen völlig Unbekannten vor der Tür stehen zu haben. Und er scheint sich zwischenzeitlich vermehrt zu haben. Denn "wir" stehen ja gleich vor unserer Tür. Klingt wie in einem schlechten Film. Und wer ist denn bitte so doof und öffnet dann vielleicht sogar noch die Tür?

Das bin dann wohl ich.

Ich habe mich, im Rahmen meiner Möglichkeiten, bewaffnet (ein einfaches Schweizer Taschenmesser in der Hosentasche) und öffenete die Tür. Der Schlüsseldienst und sein Kollege waren da. Wir gingen gemeinsam um das Haus und die beiden durchsuchten mit großen Taschenlampen unseren Garten. Erfolglos.

"Dann kann ich mir jetzt auch einen Strick nehmen" war wohl der letzte verzweifelte Versuch an mein Gewissen zu appelieren. Leider konnte ich ihm immer noch nicht helfen. Denn hier lag das Geld ja wirklich nicht. Wir verabschiedeten uns, ich wünschte ihm noch viel Erfolg bei der Jagd nach dem Geld und dann trennten sich unsere Wege.

Was ich eigentlich damit sagen wollte

Man sollte immer einen Ersatzschlüssel im Garten oder bei den Nachbarn haben.