Es gibt einige Fakten über mich, die ich, wenn überhaupt, nur widerwillig erzähle. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Vereine hauptsächlich zur Ausübung sportlicher Aktivitäten dienten. So war ich als Kind natürlich im Fußballverein (wenn auch nicht sonderlich erfolgreich). Später habe ich mich dann dem Paddeln zugewandt und auch das einige Jahre im Verein ausgelebt. Vereine, wie die meisten Schützenverein (es sind natürlich nicht alle Schützenverein so), in denen es weniger um den Sport geht, fanden bei mir daher wenig Beachtung. Bis heute betrachte ich vergleichbare Vereine mit einer gewissen Skepsis. Das bringt uns dann auch schon wieder zu einem Thema, dass ich normalerweise eher verschweige.

Minden, Helau!

Es geht um meine aktive Zeit im Karnevalsverein. Diese Zeit ist zwar schon lange vorbei, aber WENN es mal zur Sprache kommt, erntet man doch eher mitleidige Blicke als ein "Oh, das ist ja cool. Erzähl mal. Wie war das denn genau?"
Und das wahrscheinlich auch gar nicht zu Unrecht. Ich war dort zwar im sportlichen Bereich tätig, aber der Hauptzweck dieses Vereins war für die meisten anderen wohl eher der regelmäßige und ausgiebige Alkoholausschank.

Horrido!

Ich betrachte so ziemlich alle alkoholorientierten Vereine als nicht unbedingt erhaltenswert. Umso fragwürdiger ist daher natürlich meine Mitgliedschaft im einem sportlich wenig erfolgreichen Schützenverein. Die Gründe für meine Mitgliedschaft sind ebenso diffus wie unsinnig und werden daher an dieser Stelle nicht weiter beleuchtet. Es sei nur soviel gesagt: Es hat mit einer Kaffeemaschine zu tun.

Immer wieder, wenn ich meine Bedenken gegen diese Art der Vereine äußere, bekomme ich folgendes Argument zu hören:

Ich finde solche Vereine wichtig. Es geht dabei auch um den Erhalt von Traditionen.

Und ob ihr es glaubt oder nicht, dieses Argument akzeptiere und verstehe ich voll und ganz. Doch was wäre so eine Aussage ohne ein "aber"?

Was machen die da?

Lasst mich von einem meiner ersten Erlebnisse im Schützenverein erzählen. Es war einer der vielen festlichen Anlässe des Vereins. Wir waren im Saal des örtlichen Gasthofes versammelt. Zum Beginn der Veranstaltung marschierten das Königspaar, der Hofstaat, die Damengarde, die Wache und noch viele weitere Uniformierte mit der musikalischen Untermalung der Blaskapelle ein. Als sich der Thron mit seinem Gefolge gesetzt hatte, beobachtete ich, wie die Wache sich davor formierte und anscheinend eine bestimmte Zeremonie durchführte.

Leider wurde der gesamte Akt anscheinend ausschließlich von mir beobachtet. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: der Saal war nicht leer. Im Gegenteil. Es waren zahlreiche Besucher da, sodass wir uns zu dem Zeitpunkt mit einem Stehplatz nahe der Theke begnügen müssten. Alle anderen schienen am Spektakel allerdings wenig Interesse zu habe. Laute Gespräche und ähnlich lautes zuprosten überdeckte akustisch das, was sich vor dem Thron abspielte.
Das fand ich schon ein bisschen traurig. Das hätte es nicht einmal im Karnevalsverein gegeben. Wenn dort eine Zeremonie stattgefunden hat, haben ALLE zugehört oder zumindest den Mund gehalten. Zeit zum Saufen gab es im Anschluss immerhin genug. Da konnte man zumindest für die ohnehin schon kurzen Zeremonien ruhig sein.

Aus Interesse an der vorne durchgeführten Zeremonie, fragte ich den "Schützenbruder" zu meiner Linken: "Entschuldigung. Wissen Sie, was da vorne passiert?" Er erklärte mir, dass er noch neu im Verein sei und noch nicht so gut Bescheid wisse. Aber ich möge doch einfach den Herren vor mir befragen. Der hätte eine leitende Position im Verein und wisse sicher genau Bescheid.
Und das tat ich. Ich stellte die eben genannte Frage dem "Schützenbruder" vor mir. Seine Antwort: "Die Wache grüßt den König. Dann trinken die Einen. Dann sagen die noch einen Spruch auf und dann trinken die Einen. Zum Schluss verabschieden die sich noch und kriegen als Dank noch Einen eingeschenkt."

 Nun war ich schlauer. Die saufen also. Da man vom Zuschauen nicht betrunken wird, haben sich die meisten anderen Gäste daher wohl auch lieber ihren eigenen Getränken und Gesprächen gewidmet. Spannend, wie hier Traditionen bewahrt werden.

Ein Hoch auf den Schützenkönig

Aber auch mein letztes Erlebnis mit dem Schützenverein lässt mich zweifeln, ob es sich hier um schützenswerte Traditionen handelt. Und zwar war vor kurzem dort Schützenfest. Und was wäre so ein Schützenfest ohne Schützenkönig. Vermutlich wäre es das gleiche Gelage, aber ist ja auch egal. Jedenfalls hat tatsächlich jemand, wortwörtlich, den Vogel abgeschossen. Er ließ sich, wie wahrscheinlich überall üblich, durch den Saal tragen und gebührend feiern. Alles in allem ein normales und unauffälliges Schützenfest.

Was ich bis dahin noch nicht wusste, war, dass der neue Schützenkönig und seine Königin auf ganz besondere Art und Weise von der Wache, oder der Kompanie oder irgendwelchen anderen uniformierten Männern "begrüßt" werden. Die letzten Jahre ist dies völlig an mir vorbeigegangen, da mein Nachtlager zuvor immer in ausreichender Entfernung zum Nachtlager des Schützenkönig war. Das war dieses Mal anders. Denn der Schützenkönig wohnte nur ein paar Häuser weiter.

Gegen 4 Uhr nachts war es dann soweit. Die oben erwähnten Uniformierten kamen mit viel Getöse und böllerten, sangen und grölten vor dem Haus der Königin. Und das nicht nur 10 Minuten. Wenn ich es richtig verstanden habe, was das ihre Art und Weise die neue Königin zu begrüßen. Gleiches passierte einige Zeit vorher beim alten König und der alten Königin um diese zu verabschieden.

Und auch hier wieder die Frage: Sind das die oben beschriebenen schützenswerten Traditionen?

Wie steht ihr dazu? Sehe ich das zu eng? Lasst es mich über die Kommentarfunktion wissen.